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Mo, 12.06.2017

Vater unser in der evangelischen und katholischen Kirche


Warum wird bei uns Katholiken das Vater unser nicht zusammenhängend gebetet wie bei der evangelischen Kirche. Das ist doch nicht richtig?

Diese Frage stellte mir ein Gemeindemitglied aus Pleizenhausen. Wenn evangelische Christen unsere Messen besuchen, wollen  sie, wie in ihrer Tradition beim Vater unser üblich nach dem Satz: „sondern erlöse uns von dem Bösen“, weiterbeten, während wir Katholiken nach diesem Satz das Gebet des Herrn beenden.
 
Wir alle kennen das Vater unser und wir beten es wie folgt:

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.


Im katholischen Gottesdienst fügt der Priester nach dem Satz: „sondern erlöse uns von dem Bösen und dem Schlusssatz folgende Worte ein:
Erlöse uns, Herr, allmächtiger Vater, von allem Bösen und gib Frieden in unseren Tagen. Komm uns zu Hilfe mit deinem Erbarmen und bewahre uns vor Verwirrung und Sünde, damit wir voll Zuversicht das Kommen unseres Erlösers Jesus Christus erwarten.

Dieser Zwischensatz nennt man Embolismus. Das Gebet um Frieden und um Erlösung vom Bösen im Embolismus hat seinen Ursprung in der Zeit des Papstes Leos des Großen (440-461). In den Wirren der Völkerwanderung und bei der Plünderung Roms durch die Vandalen herrschten Unfriede und Krieg. Danach erfolgt in der katholischen Kirche die Doxologie: Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen!

Als Doxologie bezeichnet man das feierliche, oft gebetsabschließende Rühmen der Herrlichkeit Gottes. In der jüdischen und christlichen Religion schließen Gebete häufig mit einer Doxologie. Gott wird dabei entweder direkt angeredet, oder sein Name wird mit verherrlichenden Prädikaten ausgerufen. Die Preisung endet üblicherweise mit einer Ewigkeitsformel und der bestätigenden Akklamation des Volkes, dem Amen. Die Doxologie am Schluss des Vaterunsers ist erst später, abgeleitet aus 1.Chr 29,10, hinzugekommen.

In Andachten und ökumenischen Gottesdiensten beten wir Katholiken das Vater unser wie die Evangelischen „zusammenhängend.“

Wenn wir selbst das Vater unser nicht gemeinsam zusammenhängend beten können. Wie wollen wir dann zur Einheit der Kirchen kommen?

Es gibt einige Themen wie das Thema Abendmahl/Eucharistie und das Amtsverständnis, wo es nach wie vor noch große Unterschiede zwischen katholischer und evangelischer Kirche gibt, die vor einer gewünschten Einheit gelöst werden müssen. Die Frage des Vater unser gehört aber nicht hierzu. Es gibt Traditionen, in der katholischen Kirche, wie auch bei der Evangelischen Kirche, die auch nach einer Einheit ihren Platz haben sollten. Es sollte doch eine Einheit in der Vielfalt möglich sein, und nicht eine große Vereinheitlichung der unterschiedlichen Traditionen christlichen Lebens. Das dies möglich ist zeigen einige orientalische Kirchen und auch Gemeinden aus der anglikanischen Tradition, die eine Kirchengemeinschaft mit der römisch-katholischen Kirche bilden, die aber nach wie vor ihre eigenen Riten und Traditionen haben, die sie nach wie vor pflegen. Denn gerade die Traditionen geben uns auch Halt in unserem persönlichen Glauben.

Markus Koch